Sendung vom 11.04.1975/Filmfall 1

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Münsterland-Morde

  • Dienststelle: Kripo Münster
  • Details: Vier Tote. 1.: Prostituierte mit geknicktem Kopf auf Rückenlehne; 2.: Tramperin auf dem Weg zur Disco "Tenne"; 3.: Tramperin will mit Freund nach Wien; 4.: Studentin beim Autostopp beobachtet
  • Bewertung: ***
  • Status: ungeklärt
  • Ansehen:

Teil 1: http://youtube.com/watch?v=dvEHgfl_Cng&feature=related

Teil 2: http://youtube.com/watch?v=K02Sy8iB8aI&feature=related

Inhalt

"Unsere kleine hat schon wieder ne Tour!" - "Gönn ihr doch was, sie steht schon lange genug rum..." Die Rede ist nicht von dem weißen VW Käfer, der gerade an den zwei Damen der Nacht, die sich hier zwanglos abstrakt unterhalten, vorbeigefahren ist, sondern von deren Kollegin Edeltraud van B., die dann schließlich auch in das Auto einsteigt. 20 Minuten steht es danach in unmittelbarer Nähe der Frauen bis es sich in Bewegung setzt und erneut an den Ladies vorbei fährt. Was die beiden dann mit steinernem Blick in dem Käfer erblicken, werden sie wohl nie wieder vergessen. Edeltraud sitzt auf dem Beifahrersitz, doch ihr Kopf liegt mit offenen, leblos starrenden Augen nach hinten gebeugt auf der Lehne.

Mit einer der unheimlichsten XY-Sequenzen überhaupt beginnt einer der umfangreichsten Mordserien, die je in dieser Sendung behandelt wurden. Vier Frauenmorde im Münsterland zwischen 1971 und 1974 gingen auf das Konto des Täters, bevor er sein Operationsgebiet vermutlich in den Rhein-Neckar-Raum verlagerte und von 1975 bis 1977 ebenfalls vier Frauen ermordete. Dieser Filmfall stellt den ersten Zyklus der Morde nach, der zweite sollte im November 1977 in XY behandelt werden. Beide Ausstrahlungen blieben aber ohne Erfolg.

Am Abend des Mordes an der Prostituierten wird das Auto des Täters noch auf der B54 von einer Mutter und deren Tochter gesehen, wobei letztere eine gute Auffassungsgabe beweist und alles daran gibt das schauspielerische Niveau der Sendung unter der Limbo-Stange durchzuschubsen. "Der könnte doch wenigstens anhalten, wenn ihr schlecht ist."

Dem zweiten Opfer der Serie ist wohl ihr Krankfeiern zum Verhängnis geworden. Die 20jährige Büglerin Barbara S. hat sich nämlich vor der Tat nicht bei ihrer Arbeit blicken lassen � dafür aber mehrfach in der Diskothek �Tenne� in Rheine, die erstaunlicherweise keinerlei Marschmusik im Repertoire zu haben scheint, trotz der ollen Schrift auf dem Leuchtschild. Jedenfalls vergnügt sich Barbara hier an mehreren Abenden auf fetten 70er Jahre Galoschen und mit ner roten Knauschnig-äh-Knautsch-Lack-äh-Jacke (Kripo-Zitat) zwischen Daniel Gerard und Vicky Leandros. Wusstet ihr, dass es von �Après toi� auch ne deutsche Version gibt?!

Anyway, ihre Bank wurde auch mit einem Lebenszeichen beglückt, da Barbara telefonisch nachfragte, ob schon Geld eingegangen sei. Der Filialleiter konnte ihr aber nicht helfen, da seine Kontoführerin schon gegangen war. Fauler Sack. Am selben Abend hat Barbara die "Tenne" mit einem unbekannten jungen Mann verlassen. Zwei Tage später wird sie 30 Kilometer von Rheine entfernt in einem Wald tot aufgefunden - von einem besonders vertrauens-würdigen Forstwart.

Ede hat uns ja mehr als einmal vor der zweifelhaften Sicherheit des Doppel-Trampens gewarnt. Nur weil man zu zweit ist, heißt das nicht, dass meine eine potentiell gefährliche Situation unter Kontrolle bekommt. Gerade zu bescheuert, anders kann mans nicht sagen, erscheint da die Idee des Freundes der 18jährigen Marlies H. Da die beiden mit ihrer Anhalterreise nach Wien an einer Bundesstraße in der Nähe der niederländischen Grenze nicht weiterkommen, wohl auch da die beiden viel Gepäck dabei haben, schlägt er vor, sich zu trennen und dann an der Kunsthalle in Düsseldorf wieder zu treffen. Alles was er ihr mitgibt ist eine Generalkarte.

Marlies kommt am Treffpunkt nie an. Ihr Freund sieht sie noch einmal, wie sie in einem ausländischen Wagen sitzt, der an ihm vorbei fährt, als er erneut versucht ein Auto anzuhalten. Sie reagiert nicht auf sein Winken und ihre Augen sind geschlossen. Ihre Leiche wird ebenfalls in einem Waldgelände gefunden, vier Monate nach ihrem Verschwinden.

Erfahrung als Anhalterin hat auch das letzte Opfer in diesem Filmfall nicht vor ihrem Schicksal bewahren können. Die Studentin Erika H. will nach Hause trampen, nachdem sie an der Pädagogischen Hochschule in Münster eine Zwischenprüfung mit �Gut� bestanden hat. Sie informiert noch ihre Mutter telefonisch über die gute Nachricht und postiert sich dann am Ortsausgang von Münster und zwar genau im Blickfeld einer aufgetakelten Sekretärin mit falscher Nase. Ja sorry, aber das Teil sieht echt aus, als hätte sie�s von ihr wisst schon wem geborgt. Jedenfalls wird die Sekretärin kurz von ihrem Chef zu sich gerufen und als sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt ist Erika H. verschwunden. "Wahrscheinlich ist sie zu ihrem Mörder ins Auto gestiegen."

Die Darstellung dieses Falles steckt voller Superlative. Einerseits entsteht die beklemmende Atmosphäre dadurch, dass man, anstatt vielleicht nur einen Fall repräsentativ herauszugreifen, nicht davon abgesehen hat alle vier Opfer bei der Rekonstruktion zu berücksichtigen. Mehrere äußerst unheimliche Szenen bestechen durch ihren guten Schnitt, sowohl in der bereits angesprochenen Eröffnungssequenz, in der sich die Kamera den Augen der beiden Prostituierten nähert, während die langsam realisieren, was ihrer Kollegin zugestoßen ist, als auch bei den Fahrmanövern des Täters, bei denen immer wieder das jeweilige Opfer auf dem Beifahrersitz leblos zu sehen ist. Selbst die Atmosphäre in der Diskothek wirkt trotz der fröhlichen Musik eher trügerisch und der Nebel im Fall Marlies H. ist schaurig schön. Dieser Fall ist in jeder Hinsicht, sowohl filmisch als auch kriminalistisch, herausragend.

Außerdem bietet er uns Fans die Gelegenheit unsere Traditionssendung gegen den Vorwurf des Altmodischen zu verteidigen. Zwar gab es bis 1994 in XY noch "homophile Neigungen". Doch bereits 1975 war in dieser Sendung Prostitution als Profession anerkannt. Wie sonst hätte Edeltraud van B. aus (Zitat) "beruflichen Gründen" in den Käfer steigen können?!

Nachspiel


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